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Andrew Lindy “Fashion Gas Mask”
November 8, 2007, 11:57 am
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Andrew Lindy “Fashion Gas Mask”

Eigentlich hat die Welt in den letzten Jahren genug Fotos von Krieg und Leid gesehen, um sie aus ihrer Ignoranz aufzuwecken. Wenn Fotos die Wirkung hätten, die ihnen nachgesagt wird, wenn sie unser Bewusstsein verändern, uns wach rütteln, Einfühlungsvermögen verursachen könnten – dann hat die Welt in den letzten Jahren genug Fotos gesehen, um sie zu einem harmonischen Ort zu machen.

Ich erwarte heute von einem Foto nicht, dass es ein besondere Gefühlsreaktion auslöst, in jedem Fall nichts, was über Sentimentalität oder Mitgefühl hinausginge.

Ich träume davon, beim Betrachter mehr als nachdenkliches Verständnis hervorzurufen, etwas, was jenseits unserer Unempfindlichkeit und Randerfahrung liegt. Die ideale Fotografie des Unrechts müsste in jedem von uns den verzweifelten Wunsch zu überleben erzeugen. So ein Foto würde das Problem nicht nur abbilden, sondern gleichzeitig Abbildung des Problems und das Problem selbst sein.

Bisherige Vorstöße in diese Richtung führen die Erwartungen des Betrachters irre oder zweifeln allgemein verbreitete Meinungen an – ähnlich der Funktionsweise von einem Witz. Durch das Zusammentreffen zweier scheinbar gegensätzlicher Elemente entsteht ein Gefühl der Unvereinbarkeit oder des Unbehagens – im vorliegenden Fall ein Gefühl der Absurdität.

Das ist der Pfad, den „Fashion Gas Mask“ erkundet. Das Projekt wurde bereits im Magazin Photo veröffentlicht und wird 2007 auf internationalen Ausstellungen gezeigt werden. Es ist darüber hinaus Teil eines psychedelischen Buchs über Globalisierung und Selbstverwirklichung, an dem ich gerade arbeite.

Die widersprüchlichen Elemente in Fashion Gas Mask sind z.B. der verbreitete Wunsch nach Schönheit und Privilegien, der parallel zum Wunsch nach Gleichheit existiert. Wir möchten einzigartig sein, aber uns auch einfügen. Noch dringender wünschen wir uns Sicherheit – und gleichzeitig Freiheit. Das Verlangen nach Individualität existiert zeitgleich mit dem Wunsch nach sozialem Gleichgewicht – und den Folgen für den Frieden.

Meiner Meinung nach geht es letztlich um das menschliche Bewusstsein. Warum kämpfen wir? Welche Funktion hat Macht, wenn ihr Ziel zu versorgen einhergeht mit der Tendenz zu verwehren?

Als höchstes Ziel meines Ansatzes steht die Schaffung einer Schnittstelle, die uns zwingt, eine inneren Resolution auszuhandeln, wegen etwas, das wir mit unserer eigenen Erfahrung eigentlich nicht vereinbaren können.

Fashion Gas Mask ist nur eine Übung auf dem Weg zur Vermittlung von Abbildung und Problem begleitet von der leisen Frage, ob Bildreaktion, Intuition, Verhalten und Selbstwahrnehmung jemals zusammentreffen können. Gleichzeitig ist es einfach nur Spaß. Vielleicht haben wir einige der Antworten gefunden.

Noch bin ich nicht bereit mich mit der bloßen Nützlichkeit von Kriegsfotografie abzufinden. Stattdessen denke ich darüber nach, wie politische Fotografie und Kriegsfotografie diese Fusion von Abbildung und Problem erreichen könnten.

Für mich ist dieses Projekt ein Kommentar zur Fotografie. Kann sie etwas Neues erreichen? Etwas anderes als unsere flüchtigen Reaktionen auf Bilder, die wir schon so oft gesehen haben? Ist es möglich, eine Reaktion beim Betrachter hervorzurufen, die über das rein Gefühlsmäßige hinausgeht? Was ist der wahre Grund, warum wir einander umbringen? Warum glauben wir, das uns Systeme, die in Wahrheit auf Mangel beruhen, am Leben erhalten können? Woraus erwächst Bewusstsein?

Inspiriert von den Einsätzen, die der freie Handel erfordert, meiner eigenen Leidenschaft für Schönheit und den Wünschen, die ich vielleicht sogar zu opfern bereit bin für eine gerechte, gut versorgte Gesellschaft, verführe ich mich selbst dazu, meine Widersprüche zur Schau zu stellen.
Die wahre Erkundigung wird sich immer im Bewusstsein einer Person abspielen, nicht auf dem Papier. Das letzte Mal, als jemand etwas mit einer ähnlichen Absicht auf Papier gedruckt hat, war es zum Einnehmen und ging mit tanzenden Bären einher.

Meine Arbeit betrachte ich grundsätzlich als Versagen oder als Spiegelung einer größeren Tragödie. Für mich stellt alle politische Kunst Versagen dar, so lange, bis die Welt keine Verwendung mehr für Politik hat und Unterschieden und Ungleichheiten überwunden sind. Die Rede ist von einer flachen Welt und es scheint, dass eine Welt ohne Krieg und Leid – ohne Probleme und die Möglichkeit für Kreativität und kreative Lösungen – eine statische, tote, nicht künstlerische Welt wäre. Als Spezies müssen wir fortfahren zu versagen und offen zu sein für die Lehren, die wir aus dem Schmerz ziehen können. Dies ist der einzige Weg zur Heilung.

* Die Bilder stammen von Demonstrationen in Quebec und Miami, die die Verhandlungen zur „Freihandelszone von Alaska bis Feuerland“ (FTAA) begleitet haben sowie von der IWF und Weltbank Konferenz in Prag im Jahr 2000.

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